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Wie wir wurden, was wir sind

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Ein Buch über die Firma Samen Schwarzenberger. Vom Gründer Johann bis zur Betriebsübergabe 2022 von Erich an Markus Schwarzenberger. Viele Jahrzehnte beschreiben spannendste Ereignisse.

Ungebetene Gäste Im

Ungebetene Gäste Im Tennen, der 1947 fertiggestellt wurde, sollte später die Samenhandlung untergebracht werden. Die Errichtung erfolgte noch während der Besatzungszeit. Damals wurde auch das Haus der Schwarzenbergers für einige Wochen von den Amerikanern beschlagnahmt. Die vierköpfige Familie musste sofort ausziehen. Die erste Nacht verbrachten sie im Bienenhaus. Johann bestellte schließlich eine acht mal acht Meter große Scheune, die nach zwei Wochen geliefert wurde. In der Zwischenzeit fand die Familie Unterschlupf bei einer befreundeten Familie in der Innsbrucker Straße. Nach Abzug der Amerikaner duften die Schwarzenbergers zurück in ihr Haus, das zwischenzeitlich zum französischen Hauptquartier ernannt worden war. Glücklicherweise war nur ein Zimmer im ersten Stock beschlagnahmt worden. Toilette und Bad nutzte man gemeinsam. Der untergebrachte französische Kommandant soll ein sehr netter und angenehmer Mensch gewesen sein. Honigs, den er dem Beamten zukommen ließ. Und so wurde anfangs durch geschicktes Taktieren beim Ausfüllen des Fragebogens eine Einberufung vieler Bauernsöhne verzögert. Die Kommandanten der Wehrersatzinspektion, Major Rauch und Oberst Fleiß, waren zu der Zeit nicht viel im Amt. So konnte Füruter sehr viele Bauernbuben mit dem Befund „Angina pectoris“ für untauglich erklären. Natürlich konnte er nicht alle Jungen vor der Rekrutierung retten, aber sehr viele verdanken ihm mit Sicherheit ihr Leben. Honig für Leben. Luis, der jüngste Bruder Johanns, war Straßenpolizist und ein sehr gläubiger Katholik. Auf seinem Weg von der Streife nach Hause lag auch das Jesuitenkolleg. Eines Abends prangte hoch oben am Kirchturm eine Hakenkreuzfahne. Noch in seiner Uniform holte Luis die Fahne, die ihm zutiefst zuwider war, ein. Kaum war er zu Hause, war sein Vergehen auch schon gemeldet worden und die Gestapo verfrachtete ihn umgehend ins KZ Reichenau. Seine Frau Monika schickte Johann umgehend ein Telegramm und der machte sich am Morgen sofort auf in die Reichenau, wurde aber abgewiesen. Doch Johann ließ sich nicht abwimmeln. „Wenn Sie meinen Bruder nicht herbringen, bin ich gezwungen, beim Reichsernährungsamt eine Anzeige zu machen, dass 1.500 Kilogramm Honig für das Militär verloren gehen, weil ich ohne sein Wissen die Bienenvölker nicht betreuen kann.“ Nach einigem Hin und Her ließ man Johann schließlich zu seinem Bruder, doch er hätte ihn beinahe nicht erkannt. Luis‘ Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt, so sehr hatte man ihn verprügelt. Johann erkannte seinen eigenen Bruder nur an der Stimme. Brot für Namen. Irgendwann im Jahr 1944 fuhr wieder ein Güterzug voll mit Kriegsgefangenen durch Tirol, in Völs machte er am Gleis 1 halt. Die Türen standen offen und ausgemergelte, hohle Gesichter starrten zum Haus der Schwarzenbergers herüber. Johann hieß Anna, einige Laibe Brot und Butter in einen Sack zu packen, und schlich sich so weit wie möglich an den Zaun, der die Gleise absicherte, Die Dankbarkeit der Kriegsgefangenen war groß und sie gaben das Einzige, was sie konnten – ihre Namen und einen Dank, hingeschrieben auf einen Fetzen Papier. heran. Ohne dass die Soldaten ihn sehen konnten, schleuderte er den Sack über den Zaun. Die Gefangenen holten sich das Essen und versteckten es unter ihrer zerfetzten Kleidung. Die Dankbarkeit war groß und sie gaben das Einzige, was sie konnten – ihre Namen und einen Dank, hingeschrieben auf einen Fetzen Papier. Dieses Stück Papier sollte sich wenige Zeit später als sehr wichtig herausstellen. Milch für Kinder. Als das Deutsche Reich sich seinem Ende näherte, bekamen die Gefolgstreuen Angst. Auch jener Mann, der Johanns Bruder Luis so zugerichtet hatte, fürchtete sich vor den Konsequenzen und er bat ausgerechnet Luis, ihn jenseits der Stadtgrenze zu bringen, um seiner Strafe zu entgehen. Und Luis tat es. Sogar in diesem Moment glaubte er immer noch an das Gute im Menschen. Nicht alle hatten so viel Glück. Am Tag des Reichszusammenbruchs wurden Major Rauch und Oberst Fleiß wegen Wehrkraftzersetzung – die Bezeichnung für einen mit Todesstrafe bedrohten Straftatbestand im nationalsozialistischen Deutschland – von SSlern erschossen. Johann und Hermann Füruter wurden noch rechtzeitig gewarnt und konnten für einige Tage untertauchen. Hermann, der jetzt arbeitslos war, hatte eine Familie mit zwei kleinen Kindern zu ernähren und kam nach Völs, um bei einem Großbauern ein wenig Milch zu erbetteln, doch es gab weder Milch noch Gnade. Vergessen war die Zeit, in der Füruter die Bauernsöhne vor dem Kriegsdienst bewahrt hatte. Schließlich wagte er sich noch zu Johann und Anna, und hier fand er Einlass. Er schilderte, was ihm im Dorf widerfahren war und wurde von den beiden mit Lebensmitteln für seine Familie versorgt. Namen für Gerechtigkeit. Nach 1945. Johann war nicht mehr Bezirksbauernführer. Vom damaligen Völser Bürgermeister wurde er an die französischen Besatzer als Nazi gemeldet und musste sich bei General Béthouart (siehe S. 31) einfinden. Mit den Vorwürfen konfrontiert, ein Kollaborateur gewesen zu sein, übergab Johann dem General unter anderem jenen Papierfetzen, welchen er vor über einem Jahr als Dank für das Essen von den Gefangenen erhalten hatte. General Béthouart studierte das Schreiben eingehend und fragte schließlich ungeduldig, wer Johann zu ihm geschickt habe. Man solle „diese Idioten“ zu ihm bringen. Damit war die Angelegenheit beendet. Aber richtige Freunde wurden die Völser Bauern und Johann nicht mehr. Bilder für Essen. Nach dem Krieg war die Not groß. Johann und Anna unterstützten insbesondere Kriegswitwen, soweit es ihnen möglich war, aber auch viele Hungernde aus der Stadtbevölkerung, die am Land um Hilfe suchten. Einer davon war der Künstler Eduard von Handel-Mazetti, der Bilder im Austausch für Essen anbot. Seine Bilder waren einmalig und Johann kaufte ihm zwei ab – aber zum Vorkriegspreis. So entwickelte sich eine innige Freundschaft. Und es folgten weitere Bilder, die bis heute im Wohnhaus der Schwarzenbergers einen Ehrenplatz haben. ▞ 26 27